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Martina Thieser
Fotos - Gedichte
Gedichte
Realität und Träume

die realität
formt
harte worte
wie spitze nadeln
die
meinen bunten
schillernden
seifenblasen
gegenübertreten
und sie
zum platzen
bringen



Frustration

Gestern:
ein verbilligter Restposten
Umtausch ausgeschlossen
Morgen:
überfällt mich immer wieder
unvorbereitet
Heute:
liegt mir schon seit dem Frühstück
unverdaubar schwer
im Magen



Dem Spiegelbild folgen

irgendwie
wende ich mich immer wieder ab
von mir
ich folge immerzu nur
dem spiegelbild
das du von mir siehst
es ist immer wieder
die verlockung
des scheinbar leichteren weges
den du mir bereitest

immer wieder
überlasse ich dir
mein leben als einen ort
an dem du dich wohl fühlen sollst
und vertreibe mich selbst
aus dem paradies



Wahrheit

die wahrheit wächst
wie ein kleines kind
das auch bei seinen ersten schritten stolpert
irgendwann
sollte sie laufen lernen
um nicht
das ganze leben
auf allen vieren zu kriechen



Das Leben absitzen

manchmal denke ich
ich sitze mein leben ab
wie eine lebenslange haft
dabei habe ich mich selbst verurteilt
"im namen des volkes
lebenslänglich"

es gibt keine gitter
vor meinem fenster
es gibt keine mauern
die mich aufhalten
und keine polizei würde versuchen
mich zurückzubringen

ich habe mir selbst
zu gericht gesessen
die angst war der kläger
die moral war der richter
und mein verteidiger, der mut
hatte sich beide beine gebrochen
und ließ sich
durch die angepasstheit vertreten

so habe ich den prozess verloren
ich habe auf ein wiederaufnahmeverfahren verzichtet
und mich resigniert
in meiner zelle zur ruhe gesetzt
habe die tür angeschrien
sie solle sich öffnen
aber nie die klinke heruntergedrückt

dann fing ich an
auf die begnadigung zu hoffen
die es immerhin
für gute führung gibt
und ich beruhigte mich mit dem gedanken
nicht auf ewig hier gefangen zu sein

aber
wenn ich erst einmal
15 jahre hier verbracht habe
werde ich dann
für die freiheit
noch lebensfähig sein?



Geständnis

Ich muss dir was gestehn
ich wusste nichts von mir
bis du gesagt hast:
sieh, so schön bist du.

Ich hab mich grau verschleiert
ich hab mich schwarz versteinert
und hab gesagt:
sieh, so dunkel bin ich.

Du hast mir gewänder gegeben
aus licht und aus sonne
Du hast mir die asche
vom gesicht gewaschen
hast mir deinen spiegel vorgehalten und gesagt:
sieh, so schön bist du für mich.

Noch ist mein spiegel
grau verschleiert, schwarz versteinert
bis ich bereit bin
mein licht in meinen spiegel fallen zu lassen
und zu sagen:
sieh, so schön bin ich für mich.



Projektion


Ich sehe dich als Geheimnis
und werde für mich
zur Offenbarung



Entscheidung

Ich höre
die Weite und Freiheit
meines Geistes
Ich fühle
die Liebe und die Fülle
meines Herzens

Ich spreche meine Worte, meine Wahrheit aus.

Ich sehe
die Enge und Beschränkung
meines Geistes
Ich schmecke
die Armut und den Geiz
meines Herzens

Ich rieche meine Angst und meine Qual.

Ich bin in der Weite und Fülle
in der Freiheit und Liebe
wann immer ich mich lasse.



Träumen


Blütenwolkenträume
treiben sanft dahin
bin in mir gefangen
weil ich schlafend bin
bin in meinem Leben
immer nur ein Stück
hinter mir verborgen:
einen Augenblick.



Ich

Denn ICH
ich gebe diesem Leben
diesem meinem Leben
meine Worte, meinen Sinn.



Trauer

tränenverhangene Lidschlagmomente
voll Kummer und Schmerz
wie wolkenumflossene Himmelsgestade
berühren mein Herz
fließende, nässende, stillende Wasser
umspülen mein Ich

wissende Weisen erklingen ganz leise:
wer singt sie für mich?



Dankbarkeit

Ich gleite in mein Leben hinein
voller Zärtlichkeiten
voller Heiterkeiten
voller Freude am tönenden Klang
an hellen Gesang
an wogendem Meeresrauschen

Ich fühle ganz tief in die Welt
voller Möglichkeiten
voller Dankbarkeiten

lass sie in mich herein
atme aus, atme ein
in einem seligen Lauschen.



Die Alchemistin

Im Feuer der Begeisterung
erhitze ich das Blei
denn ich weiß
dass es Gold ist.

Weiß das Blei es auch?



Apokalypse

Eva, das Weib, die Verhüllte
tanzt in Ekstase
auf ihre eigene Melodie
und enthüllt vor Adam
ihre Seele.



Neubeginn

Mein Leben ist auseinander gebrochen
in tausende kleine Stücke zersprungen
mein Innerstes hat sich in Ritzen verkrochen
Geborgenheit suchend durch Engen geschlungen.

Der Panzer der Angst auseinander gesprengt
behutsam, allmählich die Schale verlassend -
die schützende Hülle hat schützend beengt -
nun staune ich, furchtsam die Weite erfassend.

Ich nehme mein Leben mit zärtlichen Händen.
Ein leuchtender Strahlenkranz, der mich umgibt.
Ich suche nicht Schutz hinter Mauern und Wänden
und werde in wissenden Wogen gewiegt.



Verantwortung

Sobald ich die Verantwortung für mich übernehme
hört die Frage nach der Schuld auf.



Herausforderung

Ich spiele die Apokalypse
ich tanze mit dem Teufel
bis du dir die Haare raufst
oder lachst.



Erneuerung


Im Feuer der Ekstase tanzend
verbrenne ich
erneut
erhebe ich mich singend aus der Asche.



Verlassenheit

Verlassen werden, verlassen sein, verlassen
ich verlasse mich auf mich.

Wenn alles gut geht,
steigt Phönix aus der Asche.

Ich bete zu Gott.



Schwere Entscheidung

Ich sinke hinab
auf den Grund meiner Seele
in tobendem Meeresrauschen.

Das tränenbewässerte, meerschaumumschäumte und uferumsäumte Gefilde
will niemals und niemals
das einstig und immer aufs neue Geschaute
vergängliche, sterbend gebärende Heute und Jetzt
gegen Bleibendes, endlich Beständiges tauschen.



Intoleranz

Wir opfern Menschen
auf dem Altar
unserer Glaubenssätze




Das Schweigen


zu einem Punkt vorgeschwiegen
an dem man zu reden verlernt
zu tief in mich selbst fortgelaufen
und gefangen geblieben

die immer gleichen gedanken
bis sie sich eingebrannt haben

auf einen stern hinaufgeträumt
dessen licht
die erde nie erreicht.


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